ÜberwachungspaketDiese Sicherheitspolitik gefährdet uns alle

Wer bei Sicherheit nur an Verbrechensbekämpfung denkt, verliert vieles aus dem Blick. Genau das scheint die aktuelle Bundesregierung mit ihrem Überwachungspaket zu tun, doch das kann gefährlich werden. Ein Kommentar.

  • Anna Biselli
Merz, Dobrindt und Hubig im Bundestag, Dobrindt ist nur von hinten zu sehen.
Kanzler, Innen und Justiz sind im Bild auf einer Linie. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Mehr Sicherheit sollen drei Gesetzentwürfe bringen, die das Bundeskabinett am heutigen Mittwoch beschlossen hat. Der „Gesetzentwurf zur Stärkung digitaler Ermittlungsbefugnisse in der Polizeiarbeit“, der „Gesetzentwurf zur Stärkung digitaler Ermittlungsbefugnisse zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus“ und der „Gesetzentwurf zur Änderung der Strafprozessordnung“ legen die Grundlage dafür, dass Ermittlungsbehörden Gesichtsbilder mit Aufnahmen aus dem Internet abgleichen können und automatisierte Datenanalysen durchführen dürfen. Warum sie das brauchen? Unter anderem wegen der „hohen abstrakten Bedrohungslage“, erklärt der Vorspann der Entwürfe.

Dass dieses Paket jede Menge neue Überwachungsbefugnisse bringen soll und tief in Grundrechte eingreift, haben Datenschützer:innen und Bürgerrechtsorganisationen überdeutlich und immer wieder kritisiert. Darauf hören will die Bundesregierung offenkundig nicht.

Eingeschränktes Sicherheitsverständnis

Damit offenbart sie nicht nur, dass ihr die fachlichen Einwände egal sind und sie in Kauf nimmt, dass das heute geplante Gesetz später vor einem Verfassungsgericht wieder fallen könnte. Sie präsentiert auch ein hochgradig beschränktes Verständnis von Sicherheit. Und das gefährdet uns alle.

Sicherheit ist in der Welt der Merz-Regierung ein Schlagwort, um Kontroll- und Ordnungspolitik durchzusetzen. Das ist kein neuer Kurs, auch Vorgängerregierungen setzten auf immer mehr Gesetzesverschärfungen im Namen der Sicherheit, während andere Sicherheitsbereiche aus dem Blick gerieten.

Das war einmal anders. In seiner Regierungserklärung im Jahr 1969 sagte Willy Brandt: „Dauerhafte Sicherheit kann es in einer entwickelten Gesellschaft nur durch Veränderung geben.“ Und er sprach danach zuerst von Bildungspolitik und finanzieller Stabilität. Sein Verständnis und das der damaligen Politik machten nicht an Polizeibefugnissen und militärischer Stärke halt. Ja, auch Verbrechensbekämpfung und Militärbündnisse kamen in seiner Rede vor. Aber sie waren nicht die einzigen Aspekte eines Sicherheitsbegriffs, sondern zwei Faktoren von vielen, die in einer Gesellschaft wichtig sind.

Sicherheit ist mehr als Verbrechensbekämpfung

Wenn wir Sicherheit nur auf Verbrechensbekämpfung beziehen, verlieren wir die Gesamtheit unserer Lebensgrundlagen aus dem Blick.

Sicherheit ist, dass Menschen in Ruhe gesunden können, wenn sie krank geworden sind – ohne dass sie Nachteile fürchten müssen. Und nicht, dass ein Bundeskanzler ihnen Müßiggang unterstellt und sie dazu aufruft, mehr zu arbeiten.

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Sicherheit ist, wenn sich eine Regierung darum kümmert, dass Menschen sich auch in Zukunft Strom, Heizung und Mobilität leisten können. Und nicht, dass sie sich mit einer fossilverliebten Energiepolitik an den untergangsgeweihten Status Quo klammert.

Sicherheit ist, wenn Menschen sich ohne Angst frei entfalten und an der Gesellschaft teilhaben können – egal wo sie herkommen, wer sie sind oder ob sie in der Mehrheitsgesellschaft auffallen. Dazu passt weder der Kurs der Merz-Regierung zum Selbstbestimmungsgesetz noch zum Asylrecht und vielen anderen Bereichen.

Sicherheit ist kein Supergrundrecht

Und das wichtigste: Grundrechte müssen die Basis für jegliche Sicherheitspolitik sein. Denn ohne Grundrechte gefährden wir unsere Demokratie. Und eine Bundesregierung darf nicht selbst an deren Schwächung arbeiten. Sicherheit ist kein Supergrundrecht, wie der einstige CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich es vor mehr als zehn Jahren zu kolportieren versuchte.

Wenn es schon ein Supergrundrecht geben soll, ist das zweifelsohne die unantastbare Menschenwürde. Sicherheit kommt in der Liste der Grundrechte so nicht vor. Doch umgekehrt sind die Rechte, die in unserer Verfassung verankert sind, Basis für jede Sicherheit, die wir als Menschen in einem demokratischen Staat haben können.

Grundrechte können eingeschränkt werden, das stimmt. Aber dafür gibt es Voraussetzungen: Die entsprechenden Maßnahmen müssen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sein. Und dass das im Fall der derzeit vorgelegten Gesetzentwürfe der Fall wäre, daran – damit wieder zurück zur Kritik vom Anfang – zweifeln Fachleute stark.

Ein Gegenteil von Sicherheit ist Verunsicherung

Wir dürfen nicht aufhören, diese Kritik zu üben. An jeder einzelnen Maßnahme, die Grundrechte im Übermaß beschneiden. Wir dürfen auch nicht aufhören zu fordern, dass wir eine evidenzbasierte sogenannte Sicherheitspolitik brauchen, die sich aus mehr speist als performativer Innovationsinszenierung und schnellen technischen, vermeintlichen Antworten auf tieferliegende Probleme.

Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass Sicherheit mehr ist als das, was in Polizei- und Strafgesetzen steht. Wer Menschen immer wieder verunsichert, versteht Sicherheit falsch. Und das kann schnell gefährlich werden.

Über die Autor:innen

  • Anna Biselli
    Darja Preuss

    Anna ist Co-Chefredakteurin bei netzpolitik.org. Sie interessiert sich vor allem für staatliche Überwachung und Dinge rund um digitalisierte Migrationskontrolle.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Telefon: +49-30-5771482-42 (Montag bis Freitag jeweils 8 bis 18 Uhr).


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7 Kommentare zu „Diese Sicherheitspolitik gefährdet uns alle“


  1. Verunsicherungsexperte

    ,

    Gegenwärtige einflussreiche politische Akteure stellen die für sie relevanten Themen als „Sicherheitsprobleme“ dar, um so gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Unterstützung für deren „Lösung“ zu mobilisieren. Unter Verweis auf eine angebliche sicherheitsgefährdende Ausnahme- bzw. Bedrohungssituation wird suggeriert, dass die Probleme nur mit außerordentlichen Maßnahmen unter Umgehung demokratischer Regeln und Verfahren kontrolliert und gelöst werden können.

    Security threats, however, exist only to the extent that they are experienced subjectively. A new issue is placed on the security agenda after a leading actor has successfully carried out a securitizing speech act. The latter term refers to
    discursive practices designed to persuade a given target audience that some valued referent object faces an existential threat. If successful, such an appeal transforms a merely political problem into a security problem.

    vgl. Security: A New Framework for Analysis, 1998, Buzan, Weaver and de Wilde.


  2. Anonym

    ,

    Die Kritik ist durchaus berechtigt und gut.

    Aber wer ausser der weglosen Forderung nach „Weltfrieden und globale Gerechtigkeit“ kein Loesungsangebot hat, bleibt halt in der kritisierenden Opposition.


    1. Jens Mohr

      ,

      Ihr wollt Ausnahmebefugnisse — dann liefert Ausnahmebegründungen!


  3. To whom it may concern

    ,

    FYI

    https://www.europol.europa.eu/cms/sites/default/files/documents/IOCTA-2026.pdf

    The accelerating pace of cybercrime presents increasingly
    sophisticated threats for society – with harmful implications both online and offline. In parallel, it introduces additional challenges for law enforcement, which must overcome the widening ‘velocity gap’. As AI tools become more accessible, cybercriminals are able to lower the barrier to entry, scale operations more effectively, and increasingly commit crimes without direct involvement in the operations. This evolution means that criminals will likely minimise the time needed to launch attacks, while increasing both their scale and personalisation. Law enforcement authorities (LEAs), therefore, must adopt and integrate AI capabilities proactively to anticipate, understand, and mitigate emerging threats, ensuring society’s security in
    the digital domain while respecting fundamental rights and data protection.


  4. Und siehe, ich ( das Internet ) bringe euch den Tod und die Verdammnis ins Kinderzimmer

    ,

    » Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass Sicherheit mehr ist als das, was in Polizei- und Strafgesetzen steht.

    https://www.zdf.de/reportagen/die-spur-white-tiger-und-das-sadisten-netzwerk-764–100

    Die digitale Realität ist weitaus grausamer als das, was die StPo auch nur ansatzweise zu beschreiben im Stande wäre.


  5. Bob Härber

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    Wenn heutzutage, ein Prinzipientreuer Menschenrechtsaktivist, die strikte Einhaltung, Auslegung und Wahrung der Universell geltenden Menschenrechte einfordert, Menschenrechtsverstöss, immer konsequent benennt, wenn dieser die Wahrung und Aufrechthaltung der im Grundrecht, stehenden Freiheiten und Rechte, jeder Person, als Grundpfeiler der Demokratie versteht, jede Verletzung oder Einschränkung von Grundrechten, mit dem Massstab der Verhältnismässigkeit betrachtet und danach:
    Unverhältnissmässigkeit, Diskriminierend, Repressiv oder anderweitig nicht im Verhältnis stehende Einschränkungen und Verletzungen der Grundrechte, klar benennt, um die Höchsten Güter, der Freiheitlich Demokratischen Staatsform, als gemeinsame Werte, jeder Person, in jener Gesellschaft, als besonders geschützten Bereich, der Freiheitlichen Demokratischen Grundrechte, vor Eingriffen gewahrt sehen möchte, um Übergriffig oder Unverhältnismäßige Einschränkungen der Freiheit, als nicht vereinbar mit der Verfassung und den Grundrechten, nicht hinnehmen zu können, wenn allein diese Prinzipientreue Forderung, Recht und Gesetz strikt, immer auf die Verhältnismässigkeit zu prüfen sowie Freiheitseinschränkend nur als: Ultima Ratio: Eingriff, Einschränkend, jene Freiheiten entziehen und/oder die Individuelle Ausübung der im Grundgesetz stehenden Freiheiten zu Behindern, Versagen oder nicht zu Gewähren,anzuwenden.

    Wenn allein dies jene Person schon wegen Ihrer Prinzipientreue, wenn diese ohne Ausnahme, jeden Eingriff in Freiheitsrechte anmahnt, ohne irgendeine Diskriminierende Unterscheidung, möglicherweise ins Visier von Ermittlungsbehörden, geraten kann, dann ist Repressive Staatsführung an die Stelle der Freiheitsrechte getreten, was der Demokratie massiv schadet.


  6. Give peace a chance

    ,

    Nein, die Bundesregierung denkt bei ihrem Überwachungspaket sicher nicht nur an Verbrechensbekämpfung. Ich behaupte sogar, es geht der Bundesregierung nur vordergründig um Verbrechen, als ein Scheinargument.

    Wir sollen „kriegstauglich“ werden! Diesem Thema wird alles andere untergeordnet. Wirtschaft, Grundrechte, Sicherheit. Zur Kriegstauglichkeit gehört zwingend die Kontrolle der öffentlichen Meinung, aber auch zwingend die Möglichkeit, wehrpflichtige Personen zu identifizieren und zu lokalisieren. Dazu braucht es Videoüberwachung an allen öffentlichen Orten, Zugriff auf alle Finanztransaktionen, Zugriff auf Kommunikationskanäle, Lockdowns, digitale Euros, Ausreisegenehmigungen für Männer etc., sonst stellt euch vor: „Es ist Krieg, und keiner geht hin“.

    Da nur wenige Bürger/Wähler diese Ziele offen mittragen würden, werden Ausreden erfunden. Verbrechensbekämpfung, Kinderpronografie, „handwerkliche Fehler“ in Gesetzen usw… und wir reiben uns die Augen, warum das alles so amateurhaft und gegen alle Expertisen umgesetzt wird. Aber das ist nicht amateurhaft – wenn man die Dinge aus der Perspektive „Kriegstüchtigkeit“ betrachtet, macht das alles Sinn.

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